Studienabbrecher = Versager?!

Februar 19, 2016

Fragen-Freitag #1

Während ich mitten im Abitur steckte, machte ich mir Null Gedanken über die Zeit danach. Ich hatte den ersten richtig festen Freund, Zuhause lief die Trennung meiner Eltern auf Hochtouren und ich dachte die ganze Zeit nur: Abi, Abi, Abi! . Aufgewachsen mit Barbara Salesch, Alexander Hold und einem Bruder, der ebenfalls Jura studiert, dachte ich mir: Ich kann das auch!

In der Rückschau habe ich Jura wohl nur gewählt, weil ich wusste, dass ich mit einem Abi-Schnitt von 2,4 in irgendeiner Universität in der Nähe meines damaligen Freundes angenommen werde. Nicht sehr vorausschauend gedacht, ehrlich gesagt. Aber das Herz will, was es will!
In der ersten Vorlesung erwischte mich die Realität dann auch gleich doppelt kalt. Warum? Die ersten Sätze zur Begrüßung der neuen Studenten meines Profs findet ihr hier. Aufmunterung sieht anders aus. Aber nicht nur an der Front war es wenig optimistisch – wenn man sich für das Jura-Studium entscheidet, muss man sich auf jede Menge Sprüche von Seiten der Familie und Freunde gefasst machen: „Das ist so trocken“, „Da muss man ja nur Paragraphen auswendig lernen“, … Liebe Leute, wenn ich eins über das Jura-Studium gelernt habe, dann das: Trocken ist es ganz und gar nicht, Sachverhalte und Tatbestände auswendig lernen ja, Paragraphen auswendig lernen nein!

Eine Anekdote gegen das Vorurteil „Jura ist trocken“: Gleich im ersten Semester nahm uns unser Tutor mit in die erste Verhandlung. Wir waren alle total aufgeregt, es ging um einen Mord. Ein Sohn sollte seinen eigenen Vater erstochen haben. Ich weiß nicht, was mir mehr Nervenkitzel bescherte: Ein Gerichtsverfahren am eigenen Leib mit zu bekommen oder einen Verdächtigen auf der Anklagebank analysieren und beobachten zu können. Die Verhandlung erstreckte sich über mehrere Verhandlungstage (=Wochen), wir waren bei jedem davon anwesend. Ein Verhandlungstag dauerte in etwa ein paar Stunden, mit kleinen Pausen. Während des gesamten  Prozesses sagte der Angeklagte gar nichts, starrte nur aus dem gegenüberliegendem Fenster. Er erinnerte mich stark an einen deutschen Sänger, den Vergleich kriege ich bis heute nicht aus dem Kopf (weswegen ich diesen Sänger hier auch nicht namentlich nenne, da ich Euch diese Parallele ersparen möchte). Als Zeugen waren seine Mutter, sein Bruder, die Freundin seines Bruder und der Polizist, der zuerst am Tatort anwesend und für den Fall zuständig war, geladen. Alles in allem gab es viel weniger Trouble unter den Zeugen als bei den Gerichtsshows meiner Kindheit. Was zu erwarten, aber irgendwie enttäuschend war. Am meisten haben sowieso der Richter, der Verteidiger und der Staatsanwalt gesprochen. Die Zeugen waren alle von der Situation überwältigt (was komplett verständlich ist) und eingeschüchtert. Bis auf den Polizisten. Tatortfotos haben wir keine gesehen, davon war ich positiv überrascht, denn obwohl die Öffentlichkeit zugelassen wurde (die in den meisten Fällen aus 10-30 Schaulustigen besteht), wurde so die Privatsphäre des Opfers gewährleistet. Immer wenn es um besagte Fotos ging und ein Blick auf diese notwendig wurde, versammelten sich die Gesprächspartner (zumeist Richter, Verteidiger und Staatsanwalt) so um den Laptop des Richters, dass niemand sonst etwas davon sehen konnte, der es nicht sollte. Letztlich konnte nicht genau rekonstruiert werden, wieso und wie es zur Tat kam. Dafür lernten wir viel über die Kindheit und die letzten zwei Jahre vor der Tat des Angeklagten. Dass er dachte, seine Zahnärztin hätte ihm einen Peilsender in den Zahn installiert, dass sein bester Freund ihn ausspionieren würde, dass er niemandem mehr vertraute. Letztlich kam er in die Psychiatrie. Das einzige Mal, dass der Angeklagte wirklich Reaktionen zeigte, war eine Situation, die ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde: Nachdem das Urteil gesprochen war, drehte er sich zu uns (=in dem Fall der Presse und Öffentlichkeit, seiner Familie) um, schaute uns alle an, hab die Hände in die Luft, formte ein „Peace“-Zeichen und rief mit einem Lächeln auf den Lippen: „Yeah, Freispruch!“ Noch heute kommt mir die Gänsehaut bei dem Gedanken daran. Ich kann gar nicht wirklich festmachen, woran das liegt, er hatte in diesem Moment eine Ausstrahlung, die mir das Blut in den Adern gefroren ließ.

Natürlich war das ein Fall für das Strafrecht. Jura hat aber noch so viel mehr zu bieten: Öffentliches Recht, das Zivilrecht, Verfassungsrecht, … usw. Das war alles nichts für mich. Während andere nächtelang ihre Nase in die Fälle und Bücher steckten, schnappte ich mir lieber meine Kamera und verbrachte die Tage an der frischen Luft, schrieb Texte und schnitt Videos. Damals hätte mir schon auffallen sollen, dass Jura nichts für mich war. Diese Erkenntnis erreichte mich jedoch erst Ende des zweiten Semesters, ich war durch alle Prüfungen geflogen, bis auf eine Hausarbeit und eine Strafrechtsklausur (die mit 14 Punkten gar nicht so schlecht war). Es interessierte mich alles einfach nicht. In den Vorlesungen schlief ich ein, surfte auf dem Handy oder ging frühzeitig nach Hause. Trotzdem wollte ich nicht abbrechen. Das war wie Versagen für mich. Ich wollte mir vor meinen Eltern und Freunden nicht die Blöße geben, sondern die Zähne zusammenbeißen und mein Studium schaffen. Letztlich sagten meine Noten und meine Laune jedoch genau das Gegenteil. Nächtelang heulte ich und wusste nicht, was ich machen soll. Also wendete ich mich schließlich an meinen Bruder, der kurz vor seinem Examen stand. Ich fragte ihn, ob ich es schaffen kann. Ich fragte, ob er meint, ich mache das richtige. Auf beides antwortete er mit „Nein“. Er war schließlich derjenige, der mir sagte, ich solle aufhören. Ich würde nicht das Handtuch schmeißen, sondern hätte vielmehr den Mut das zu machen, was wirklich zu mir passt. Womit ich glücklich bin.

Trotzdem blieb ich noch zwei weitere Semester eingeschrieben. Ich blieb Jurastudentin, probierte mich aber aus. Verbrachte meine Tage und Nächte anstatt in der Uni vor dem PC und recherchierte nach Studiengängen. Ein Studium sollte es auf jeden Fall sein, dafür hatte ich schließlich Abitur gemacht. Irgendwas mit Medien sollte es sein. Aber da gab es so viel: Mediendesign, Medienkommunikation, Medienmanagement, Journalismus, Medienwissenschaften, Medieninformatik, und und und. Anfangs konnte ich all das nicht auseinanderhalten. Also schrieb ich einen Haufen Bewerbungen für ein Duales Studium in gesamt Deutschland. Ich wurde sogar zu mehreren Assessment Centern und Bewerbungsgesprächen eingeladen, weswegen ich glücklicherweise vor dieser Prozedur keine Angst mehr habe. Letztlich hat sich aus den vielen Gesprächen nichts ergeben, in der Rückschau bin ich aber sehr glücklich darüber. So fing ich erst in einer Werbeagentur in meiner Heimatstadt an und arbeitete dort volle 8 Monate als Praktikantin. Im Herbst 2013 flog die Immatrikulationsbescheinigung für mein zweites Studium nach Hause: Medienmanagement sollte es sein. Heute schreibe ich meine Bachelor-Arbeit und bin sehr glücklich darüber wie alles gelaufen ist. Mein abgebrochenes Studium war vor allem nicht umsonst, denn von meinem Vorwissen in Hausarbeiten und Medienrecht konnte ich gleich im neuen Studium Gebrauch machen!

Studium abbrechen oder lieber Zähne zusammenbeißen? Die Frage aller Fragen. Ich hatte Glück und habe relativ schnell gemerkt, dass mein erstes Studium nichts für mich war. Spätestens im vierten Semester wäre ich wohl zwangsweise exmatrikuliert worden, weil ich bis dahin nie im Leben die relevanten Klausuren bestanden hätte. Wenn ihr merkt, dass euer Studium nichts für euch ist, werft nicht sofort das Handtuch, sondern sprecht mit euren Eltern und euren Freunden darüber. Klar, hat man Angst als Versager dazustehen. Das seid ihr aber nicht, denn es erfordert unglaublich viel Mut, das zu machen, worauf man Lust hat und dafür zu kämpfen. Wichtig ist, bevor man sein Studium abbricht, schon einen Plan B in der Tasche zu haben. Hört nicht einfach kopflos mit dem Studium auf und lasst euch treiben. Denn dann kann es ganz schnell passieren, dass ihr nur die nächste Notlösung raussucht und wieder das „Falsche“ anfangt.
Bist du dagegen schon kurz vor Ende deines Studiums und hast keine oder sehr wenig Prüfungen offen, dann beiß die Zähne zusammen und hol dir deinen Abschluss! So hast du wenigstens was in der Tasche, kannst eine abgeschlossene Ausbildung vorweisen und musst dich in keiner Weise rechtfertigen. Danach kannst du immer noch eine ganz neue Richtung einschlagen – nichts ist in Stein gemeißelt.


Das war der erste Fragen-Freitag Beitrag! Du willst auch Teil meines Blog werden? Dann lass mir einen Kommentar mit deiner Frage, einem Schlagwort oder einem Satz deiner Wahl da. Oder schreib mir eine E-Mail an kontakt@bossbabebylaura.de. Ich werde mich bemühen, jede Anfragen einzubinden. Fordere mich heraus und mach mit bei dieser Geschichten-Challenge!

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8 comments

Bea Januar 28, 2017 at 5:31 pm

„Bist du dagegen schon kurz vor Ende deines Studiums und hast keine oder sehr wenig Prüfungen offen, dann beiß die Zähne zusammen und hol dir deinen Abschluss!“
Das mache ich gerade. Und es ist gut, sowas zu lesen, denn das bestärkt mich, dass ich nicht die falsche Entscheidung getroffen habe mein Studium zu beenden, wofür ich nur noch zwei Semester brauche. Aber es ist trotzdem hart, wenn man keine Motivation mehr hat. Ich gucke mich jetzt nebenbei um und probiere neue Dinge aus, um herauszufinden, was ich machen möchte.
Ich habe deswegen auch ein paar Menschen interviewt, die sich selbstständig gemacht haben und das hat mich auch inspiriert. Es muss nicht immer alles perfekt und geradlinig verlaufen 😉 Zu einer Kursänderung habe ich hier einen Artikel dank der Selbständigen: http://www.bewege-blog.de/kursaenderung/
Ich wünsche allen viel Erfolg und Mut die richtigen Entscheidungen zu treffen!

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Laura Januar 28, 2017 at 5:48 pm

Liebe Bea,
bitte verlier nicht den Mut und ich wünsche dir ganz viel Erfolg für die letzten zwei Semester. Toller Artikel nebenbei 🙂

Lieben Gruß,
Laura

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Gina Juni 23, 2016 at 1:05 pm

Liebe Laura,

dein Beitrag hat mir sehr geholfen. Ich stehe selbst gerade vor dieser Entscheidung und es tut gut zu wissen, dass man damit nicht allein ist. Deine Geschichte hat mir wieder Mut gemacht und dafür möchte ich mich bedanken!

Lieben Gruß
Gina

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Laura Dezember 4, 2016 at 10:28 pm

Liebe Gina,

das tut gut zu hören! Es ist schön, dass ich dir Mut schenken konnte und hoffe, das Gefühl hielt für eine Weile an 🙂

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Kathleen Februar 20, 2016 at 8:01 am

Laura, das hast du sehr schön geschrieben. Ich selber kenne das auch. Nach dem Abi angefangen zu studieren und auf einmal merkt man, dass man sich für das Falsche entschieden hat. Für mich war das eine Zeit der puren Verzweifelung und vieler Tränen. Aber dann habe ich erkannt, dass es nicht schlimm ist, wenn man sein Studium abbricht und einfach noch einmal von vorne startet.

Liebe Grüße
Kathleen von http://kathleensdream.blogspot.de/

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Patty Februar 19, 2016 at 2:07 pm

Das ist wirklich ein toller Beitrag und sicherlich sehr interessant für viele die studieren. Ich kenne es von einigen Freunden von mir das sie nicht wirklich glücklich mit ihrem Studium sind & die Richtung auch nicht wirklich zu Ihnen passt. Ich selbst mache eine Ausbildung und bin damit wirklich super zufrieden, auch wenn immer wieder alle zu mir sagen wieso ich „NUR“ eine Ausbildung machen wenn ich doch mein Abitur gemacht habe. Diese Fragerei hat mich immer ziemlich genervt weil viele die Ausbildung unter ein Studium stellen. Ich persönlich würde abbrechen wenn das Studium mich nicht glücklich machen würde, aber wenn ich fast am Ende wäre würde ich auch die Zähne zusammenbeißen 🙂

Liebe Grüße 🙂
http://www.measlychocolate.de
https://www.youtube.com/watch?v=hRc8VvgC7W0

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Sara alias sgkunst Februar 19, 2016 at 10:14 am

Sehr schön geschrieben.!
Ich bin noch nicht in den Genuss eines Studiums gekommen, habe aber Ausbildung und bald Abi hinter mir möchte mich diesen Herbst bewerben. Ich glaube man sollte sich seiner eigenen Situation bewusst sein.

Ganz vorn an sollte die Frage stehen: habe ich nur grade keine Lust mehr, oder ist es wirklich nichts für mich?
Ich habe eine Bekannte, die sich im Zuge eine anstrengenden Lebensphase falsch entschieden hat, jetzt keine Ausbildung hat und von Nebenjob zu Nebenjob pendelt.

Und da schließt sich die zweite Frage an: Habe ich einen Plan, wie es weiter gehen kann?
Ich würde niemals alles hinwerfen, wenn ich nicht schon Plan B habe. Einen Abbruch im Lebenslauf wird dir keiner krumm nehmen, wenn du es begründen kannst – eine klaffende Lücke allerdings schon.

Und eine Frage, die ich auch sehr wichtig finde: Wie viel Glück oder Erfolg hatte ich mit der Aufnahme im Studium?
Manche Studienrichtungen verlangen ja nicht nur eine schriftliche Bewerbung und ein Zeugnis. Manche wollen bestandene Test, fachbezogene Praktika oder Mappen sehen, die ich lange zuvor dafür vorbereitet habe…. Und dann kommen nur 20 von 500 Leuten in den Kurs und DU bist einer davon…. Lohnt es sich das hin zu werfen? Schließlich bist du ja geeignet….

Schwieriges Thema.
Liebe Grüße > sara

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Laura Februar 19, 2016 at 10:29 am

Liebe Sara,
sehr sehr gute Fragen zum Selbsttest! Besser als ich es beschrieben habe. Danke für diesen Beitrag! Danke für dein Kompliment. Vielleicht hilft es ja dem ein oder anderen, wenn er vor dieser schwierigen Entscheidung steht. Wobei ich sie gar nicht so schwer finde, man macht es sich selbst nur immer sehr schwer. Tief drinnen weiß man meistens schon was man will. Man traut sich nur noch nicht, ganz dazu zu stehen.
Beste Grüße

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